Globale Lieferketten stehen an einem entscheidenden Punkt. Disruption ist inzwischen Alltag: Geopolitische Spannungen, dynamische Kund:innen-Bedürfnisse, der Mangel an wichtigen Rohstoffen und der rasante Fortschritt von KI – all diese Faktoren treten nicht mehr isoliert, sondern gleichzeitig auf und verstärken sich gegenseitig. Während es früher gelegentliche Schocks gab, ist die Veränderung heute zum Dauerzustand geworden, einem Kreislauf, der die Anforderungen an Lieferketten völlig neu definiert.
Wir haben 620 Top-Führungskräfte auf der ganzen Welt befragt. Die daraus entstandene Studie1 dokumentiert eine klare Verschiebung: In den kommenden zehn Jahren wird nicht mehr Effizienz der wichtigste Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit sein, sondern Autonomie und künstliche Intelligenz.
Unsere Studie definiert die Rahmenbedingungen für autonome, intelligente Lieferketten. Im Zentrum stehen drei miteinander verbundenen Säulen, auf deren Basis Unternehmen in der Lage sind, trotz permanenter Disruption erfolgreich zu bleiben: KI‑basierte Autonomie, sich selbst organisierende Netzwerke und intelligente Nachhaltigkeit. Zwei wichtige Faktoren treiben dieses neue Modell an: eine digitale Datenbasis und die enge Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI.
Fast die Hälfte der Unternehmen treibt die Regionalisierung oder Lokalisierung ihrer Lieferketten voran und schafft damit die Basis für sich selbst ausgleichende Netzwerke. Hohe Kosten, Lieferengpässe und komplexe Vorschriften sind die größten Hindernisse für eine Skalierung.
Obwohl 90 % der befragten Führungskräfte davon überzeugt sind, dass KI bis 2030 die Lieferketten verändern wird, setzen nur 8 % der Unternehmen bereits vollständig auf KI-gesteuerte Planung und Koordination. Es hat sich gezeigt, dass hochmoderne ERP-Plattformen und prädiktive Analysen die wichtigsten Faktoren für eine durchgängige Koordination sind. Wo es aber an einer guten Datenbasis mangelt, bleibt der wahre Nutzen von KI ein fernes Ideal. Das ist auch den Führungskräften bewusst: 8 von 10 Befragten geben an, dass mangelhafte Datenqualität der größte Bremsklotz für den Einsatz von KI in der Lieferkette ist.
Gefragt nach ihren drei wichtigsten Investitionen nennen 69 % der Führungskräfte Cloud-Plattformen. Es folgen die KI-Priorisierung (50 %) und die Konzentration auf Cyber-Sicherheit und Infrastruktur-Resilienz, um Intelligenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu vernetzen (46 %). Allerdings verfügt jedes vierte Unternehmen bisher nicht über intelligente Beschaffungs- und Koordinierungsinstrumente, um aus Daten Echtzeitentscheidungen zu generieren.
44 % der Unternehmen betrachten Kreislaufwirtschaft als strategische Investition. Kosten, die Bereitschaft der Lieferanten und ein Mangel an integrierten Design-Prinzipien schränken die Skalierung jedoch weiterhin ein.
9 von 10 Führungskräften nennen Widerstände gegen Veränderungen und Fachkräftemangel als wesentliche Hindernisse bei der Einführung von KI. Die Investitionen in Technologie erfolgen schneller, als die Bereitschaft der Mitarbeitenden dafür wächst. Für eine verantwortungsvolle und skalierbare Transformation kommt es heute wesentlich darauf an, die entsprechenden Denkweisen und Fähigkeiten zu entwickeln und Formen der Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI zu etablieren.
Fachleute erwarten, dass sich das Handelswachstum bis 2030 in Richtung der Schwellenländer verlagert, während China aufgrund von Entkopplungs- und Diversifizierungsdruck eine Verlangsamung erleben wird. Führungskräfte sehen eine Wende in der regionalen Diversifizierung: Chinesische Unternehmen expandieren unter anderem in die BRICS- und ASEAN-Märkte und errichten gleichzeitig Produktionsstätten in Europa, um dem Druck durch Zölle zu begegnen.
Unternehmen, die kontinuierlich lernen, die zusammenarbeiten und auf allen Ebenen der Organisation Innovationen integrieren, sind bestens vorbereitet: Sie werden nicht nur Disruptionen abfedern, sondern auch die Zukunft globaler Lieferketten mitgestalten.
1 BearingPoint-Studie unter 620 Führungskräften in Europa, den USA und China, durchgeführt im August 2025 mittels Online-Interviews.