Mit dem europäischen Emissionshandel für Gebäude und Verkehr, dem European Union Emissions Trading System 2 (EU ETS2), müssen Unternehmen ab 2027 erstmals CO₂-Zertifikate an einem freien Markt beschaffen – zu Preisen, die niemand sicher vorhersagen kann. Wer darauf nicht vorbereitet ist, riskiert seine Marge. Das derzeitige nationale Emissionshandelssystem (nEHS) in Deutschland basiert dagegen noch auf einem einfachen und planbaren Marktmodell. In der Übergangsphase 2026 und voraussichtlich auch 20271 erfolgt die Preisbildung über Auktionen mit begrenzter Menge nationaler Emissionszertifikate (nEZ) innerhalb eines definierten Preiskorridors, ergänzt durch die Möglichkeit, nachfolgend unbegrenzte nEZ-Mengen zu einem festgelegten Höchstpreis zu erwerben.2 Hedging von Positionen ist durch den maximalen Festpreis und den darunter liegenden Auktionskorridorpreis nicht notwendig. Im jetzigen System ist sogar ein risikoloser Liquiditätsvorsprung für Marktteilnehmende durch Einpreisung des Maximalpreises für verkaufte Produkte erzielbar.
Im derzeitigen nEHS sind nur wenige Transaktionen für die Beschaffung der Zertifikate erforderlich. Mehrere Studien und Veröffentlichungen unter anderem von ESMA, World Bank und EEX, die das Handelsgeschehen im ETS1 analysieren, zeigen, dass die Anzahl der Transaktionen im Zertifikatehandel mit Futures, wie er auch im ETS2 stattfinden wird, durch Auktionsgebote, Hedging, Rolling, Rebalancing und Mengenpuffer das ca. drei- bis fünffache des eigentlichen nEZ-Bedarfs betragen wird.3 Somit bereitet das nEHS zwar vordergründig gewissermaßen auf Prozesse wie Auktionsteilnahme oder Liquiditätsmanagement vor, jedoch nicht auf das zentrale Element des EU ETS2: die aktive Steuerung von Preis- und Mengenrisiken durch eine Vielzahl von Transaktionen zu ausgewählten Zeitpunkten, basierend auf Ergebnissen von Marktanalysen in einem volatilen Marktumfeld.
Damit sind Unternehmen, die unter ETS2 fallen und deren wirtschaftliches Ergebnis signifikant durch volatile Zertifikatspreise beeinflusst werden kann, bei unzureichender Vorbereitung auf ETS2 dem Risiko ausgesetzt, ihre Wettbewerbsposition zu verlieren. Im Gegenzug ergibt sich natürlich auch die Chance, dass durch die richtigen Maßnahmen zum Aufbau von notwendigen Fähigkeiten bis zum Start von ETS2 die eigene Wettbewerbsposition gestärkt und ausgebaut werden kann.
Die Größenordnung des Risikos ergibt sich weniger aus der Höhe des CO₂-Preises als aus seiner Unsicherheit. Die Kommission sieht Stabilisierungsmechanismen oberhalb von 45 Euro je Tonne vor,4 Studienprognosen reichen von 60 bis 380 Euro je Tonne.5 Für ein Unternehmen mit einer Abgabeverpflichtung von einer Million Tonnen CO₂ pro Jahr bedeutet jede Preisveränderung um 10 Euro je Tonne einen Ergebniseffekt von 10 Millionen Euro. Die Beschaffung von Zertifikaten ist damit keine kalkulatorische Kostenposition, sondern eine Ergebnisgröße in der Größenordnung des Jahresergebnisses vieler betroffener Unternehmen.
Mit der Einführung des EU ETS2 entsteht für betroffene Unternehmen eine neue operative Realität, in der CO₂-Kosten aktiv gesteuert werden müssen. ETS2 wirkt tief in mehrere Kernbereiche der Wertschöpfung hinein, insbesondere in Endkund:innen-Preisgestaltung, Beschaffungsstrategie, Risiko- und Liquiditätsmanagement sowie operative Abwicklung. Um wettbewerbsfähig CO₂-Zertifikate zu beschaffen, sind neue Fähigkeiten in einem integrierten Kompetenz- und Steuerungsmodell erforderlich:

Make or Buy: Welche Kompetenzen Sie selbst aufbauen sollten
ETS2-Marktteilnehmende, die bisher noch keine umfangreichen Handelstransaktionen durchführen mussten, um ihren Bedarf an Commodities und zugehörigen Zertifikaten zu decken, werden mindestens zu Beginn des ETS2 nicht die gesamte Bandbreite an notwendigen Kompetenzen inhouse aufgebaut haben und daher nicht als vollumfängliche Handelshäuser auftreten können. Laut ESMA-Marktbericht herrscht im ETS1 bereits eine sehr hohe Marktkonzentration, in der 10 Handelsteilnehmende rund 90 Prozent der auktionierten Zertifikate beschaffen, was bedeutet, dass die Mehrheit der abgabepflichtigen Unternehmen diese zehn Handelshäuser als Intermediäre nutzt.6 Da für einen Großteil der Marktteilnehmenden im ETS2 Commodity-Handel nicht zu den Kernkompetenzen zählt, kann sicher erwartet werden, dass Intermediäre und Dienstleister sowohl den Marktzugang als auch einen Großteil, wenn nicht sogar die gesamten Handelstätigkeiten übernehmen.
Damit steht nicht die Frage im Raum, wie die beschriebenen notwendigen Fähigkeiten im ETS2 inhouse aufgebaut werden können, sondern welche davon zwingend für die Sicherung der eigenen Wertschöpfung benötigt werden und welche an Intermediäre und Dienstleister ausgelagert werden sollten. Die verbleibende Zeit von voraussichtlich rund zwölf bis 16 Monaten bis zum erwarteten Start der physischen ETS2-Auktionen für Zertifikate7 lässt nur begrenzten Spielraum für den internen Aufbau eigener Fähigkeiten. Zu diesen Fähigkeiten gehören zwingend Kompetenzen zur professionellen, wertschöpfungsorientierten Steuerung von Intermediären und Dienstleistern.
Ohne eigenes Marktverständnis reduziert sich die Steuerungsfähigkeit auf eine rein formale Ergebniskontrolle. Die eigentlichen Werttreiber bleiben damit außerhalb des direkten Einflussbereichs, wodurch eine optimale Wertschöpfung sowie ein effizienter Einsatz von Liquidität und Kapital erschwert werden. Operative Aktivitäten wie die Orderausführung oder die gesamte Abwicklung lassen sich vergleichsweise einfach auslagern oder mit Hilfe spezialisierter Softwarelösungen und Datenplattformen mit geringem Aufwand intern abbilden.
Die CO₂-Exposure und die Ergebnisrelevanz der Endkund:innen, die von den Kosten der Zertifikate betroffen sein werden, bestimmen den vertretbaren Aufwand zum Aufbau der steuerungsrelevanten Fähigkeiten. Oberste Priorität in der Chancenergreifung sollte im volatilen ETS2-Beschaffungsmarkt die Sicherstellung der wettbewerblichen Endkundenbepreisung bei gleichzeitiger Sicherstellung der Beschaffung ausreichender Zertifikate zu wettbewerblichen Preisen sein.

Der Fokus im Kompetenzaufbau bis zum Start von ETS2 liegt damit zunächst darauf, die relevanten Steuerungsparameter für eine wettbewerbsfähige Beschaffungsstrategie zu identifizieren und zu bewerten – basierend auf vertrieblichen Mengengerüsten und den wettbewerblichen Anforderungen an Endkundenpreise. Relevant für die Beschaffungsstrategie sind ebenso Vorgaben und Möglichkeiten aus der Finanzplanung, um maximale Risiko-Exposure und die Liquiditätssituation berücksichtigen zu können. Chancen entstehen für die Unternehmen, die daraus klare Vorgaben für Intermediäre und Dienstleister ableiten und diese auch wertschöpfend steuern können. Alle weiteren notwendigen Aktivitäten – von der Bereitstellung von Marktinformationen über den Dreiklang der Handelsaktivitäten bis hin zur Sicherstellung der regulatorischen und informationstechnischen Voraussetzungen und Infrastrukturen – werden von einem oder mehreren Dienstleistern erbracht. Unternehmen, die sich auf die Fähigkeiten zur Erstellung und Steuerung einer Beschaffungsstrategie nicht ausreichend vorbereiten, laufen Gefahr, signifikante wettbewerbliche Einschränkungen zu erfahren.

Mit zunehmendem Reifegrad kann und sollte das Fähigkeitenmodell schrittweise erweitert werden – zuerst mit dem Ziel, auch das Risiko- und Liquiditätsmanagement als einen maßgeblichen Faktor in der Wertschöpfung im Sinne der Unternehmensziele steuern zu können. Dies hat den Vorteil, dass die Leistungen der Dienstleister klar entlang der finanziellen, risiko- und liquiditätsbezogenen Vorgaben des Unternehmens ausgerichtet und konsequent im Sinne der Wertschöpfung gesteuert werden kann.

Eine Endstufe des Entwicklungspfades könnte bei ausreichendem Reifegrad so aussehen, dass die Finanz-, Risiko- und Liquiditätsfähigkeiten als wertschöpfungsrelevante Kernkompetenz inhouse abgebildet werden. Auf dieser Basis lassen sich die Vorgaben für das Portfolio- und Positionsmanagement ableiten, die anschließend durch spezialisierte Dienstleister umgesetzt werden.
Der Finanzbereich quantifiziert die CO₂-Exposure und den Liquiditätsbedarf aus Sicherheitenleistungen. Der Vertrieb prüft Endkundenverträge auf CO₂-Weitergabe- und Preisgleitklauseln. Beschaffung und Risikomanagement legen Absicherungsquoten und Risikolimits fest und klären den Marktzugang. Die IT legt Daten- und Reportinglandschaft auf ein vielfach höheres Transaktionsvolumen aus. Hinzu kommt ab 2029 die Pflicht, drei Jahre lang offenzulegen, welcher Anteil der ETS2-Kosten an die Verbraucher:innen weitergegeben wurde. 8
Der EU ETS2 rückt näher und mit ihm die Frage, welche Fähigkeiten Ihr Unternehmen jetzt aufbauen muss, um seine Wertschöpfung zu sichern. Wir unterstützen Sie dabei, Ihre CO₂-Exposure zu bewerten, eine belastbare Beschaffungsstrategie zu entwickeln und die passende Kombination aus eigenen Fähigkeiten und Dienstleistern aufzusetzen. Lassen Sie uns gemeinsam den nächsten Schritt gehen. Kontaktieren Sie uns gerne für ein persönliches Gespräch.
Der EU ETS2 ist ein separates europäisches Emissionshandelssystem für die Bereiche Gebäude, Straßenverkehr und kleinere Industrieanlagen. Abgabepflichtig sind nicht die Endverbraucher:innen, sondern die Inverkehrbringer von Brenn- und Kraftstoffen, etwa Energieversorger und Mineralölunternehmen. Für sie werden CO\u2082-Kosten zu einer aktiv zu steuernden Ergebnisgröße.
Die Regelphase beginnt am 1. Januar 2028, die erste Abgabe von Zertifikaten ist zum 31. Mai 2029 fällig. Bereits ab Januar 2027 finden an der European Energy Exchange (EEX) erste Versteigerungen statt, die sogenannten Early Auctions.
Im nEHS werden nEZ innerhalb eines gesetzlich festgelegten Preiskorridors gehandelt, sodass die Kosten planbar bleiben. Im EU ETS2 gibt es weder Festpreise noch eine Preisobergrenze: Der Preis bildet sich frei am Markt. Damit wird aus einer kalkulierbaren Abgabe ein volatiles Preis- und Mengenrisiko.
Die Prognosen streuen erheblich. Die Europäische Kommission sieht Stabilisierungsmechanismen oberhalb von 45 Euro je Tonne vor, während Studienprognosen je nach Modell von 60 bis 380 Euro je Tonne reichen. Gerade diese Unsicherheit ist das eigentliche Risiko für betroffene Unternehmen.
Erforderlich sind Fähigkeiten in vier Bereichen: wettbewerbsfähige Endkundenpreisgestaltung, Zertifikatshandel und Preisabsicherung, operative Exzellenz in der Abwicklung sowie eine passende Organisations- und Governance-Struktur. Angesichts der knappen Zeit sollten Unternehmen zuerst klären, welche dieser Fähigkeiten zwingend im Haus bleiben müssen und welche sich auslagern lassen.
Für die meisten Unternehmen ist der Commodity-Handel keine Kernkompetenz. Im bestehenden EU ETS1 beschaffen rund zehn Handelshäuser etwa 90 Prozent der auktionierten Zertifikate. Entscheidend ist daher weniger der eigene Handel als die Fähigkeit, Intermediäre und Dienstleister wertschöpfend zu steuern – auf Basis einer eigenen Beschaffungsstrategie und klarer Finanz-, Risiko- und Liquiditätsvorgaben.