Der 2001 entworfene Managementansatz der „High Reliability Organisationen (HRO)“ scheint vor dem Hintergrund der oben genannten Krisenszenarien aktueller denn je. Die aus empirischen Befunden abgeleiteten Handlungsprinzipien hochzuverlässiger und resilienter Organisationen zeigen, wie Verwaltungen in die Lage versetzt werden können, Krisen frühzeitig zu erkennen und professionell zu bewältigen.
Als die Professoren Karl E. Weick und Kathleen M. Sutcliffe im Jahr 2001 ihre Forschungsergebnisse zu Organisationen veröffentlichten, die trotz – und gerade in – Krisen hochzuverlässig funktionieren, hätten sie sich wohl nicht träumen lassen, wie hochaktuell der von ihnen beschriebene Managementansatz 25 Jahre später immer noch sein würde. Doch die Vielzahl der aktuell zu bewältigenden Krisen stellt gerade auch die öffentliche Verwaltung vor große Herausforderungen.
„Das Unerwartete managen“1 – so fasst der Buchtitel von Weick und Sutcliffe die Fähigkeiten jener Institutionen zusammen, die sie als Hochverlässlichkeitsorganisationen bezeichnen. Darunter verstehen sie Unternehmen und Verwaltungsbehörden – die unter allen Umständen, gerade auch und vor allem in einer Krise – funktionsfähig bleiben müssen, weil ansonsten massive und hochgradig bedrohliche Auswirkungen zu erwarten wären.
Zu diesen Organisationen zählen beispielsweise Unternehmen, die hyperkomplexe Anlagen betreiben (z. B. Atomkraftwerke, Chemiefabriken oder Hochsicherheitslabore), Einrichtungen der kritischen Infrastruktur darstellen (z. B. Unfallmedizin, Pandemiebekämpfung, Cyberangriffsabwehr) oder Betriebe mit inhärenten Gefahren (z. B. Flugzeugträger, Bergbau, Bohrinseln). Diese Organisationen haben eine Strategie bzw. eine Organisationkultur entwickelt, die sie befähigt – um es paradox und systemtheoretisch auszudrücken – das Unerwartete zu erwarten. Sie agieren hochsensibel gegenüber Abweichungen von Gewohnten, „beunruhigen“ sich damit aktiv, um frühzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen und Störungen bzw. Krisen eindämmen zu können.
Die Fähigkeit zum vorauszuschauenden und präventiven Krisenmanagement drückt sich in fünf Erfolgsfaktoren bzw. Prinzipien der Hochverlässlichkeitsorganisation aus.
HROs sind ständig auf der Suche nach Hinweisen darauf, dass etwas nicht in Ordnung ist oder anders verläuft als erwartet, d. h. Abweichungen vom „Normalen“ auftreten. Ein anschauliches Beispiel ist der Betrieb auf einem Flugzeugträger: Jeder Start und jede Landung wird gefilmt und anschließend analysiert. Gleichzeitig durchsucht die Mannschaft – unabhängig vom Rang – das Oberdeck regelmäßig und systematisch nach Gegenständen, die dort nicht hingehören (etwa Schrauben, Feuerzeuge oder andere Kleinteile), da diese in Triebwerke geraten und eine Katastrophe auslösen könnten. Alle Mitarbeitenden einer HRO werden ausdrücklich ermutigt, Fehler zu entdecken, anzusprechen und transparent zu machen. Die Entdeckung eines Fehlers wird dabei nicht als Gefahr verstanden, sondern als Chance – denn in jeder Abweichung steckt eine potenziell überlebenswichtige Information.
HROs sind sich der Komplexität ihrer Aufgaben bewusst und wehren sich gegen einfache Erklärungen für schwierige Zusammenhänge. Im Gegenteil: Sie fördern aktiv eine realistische, umfassende und der Komplexität angemessene Selbstwahrnehmung ihrer Organisation und ihrer Aufgaben. Überstandene Krisen – etwa Beinahe-Unfälle – werden systematisch ausgewertet, gründlich analysiert und die gewonnenen Erkenntnisse für alle transparent gemacht, um Fehler zu erkennen und daraus zu lernen. Komplexität wird nicht reduziert, sondern bewusst angenommen. Bestehende Vereinfachungen, die sich in Planungen, Erfahrungswerten oder routinierten Abläufen niederschlagen, werden regelmäßig hinterfragt und reflektiert.
HROs kennen ihre betrieblichen Abläufe – und deren Grenzen! Entscheidend ist dabei nicht nur, die Routinen zu beherrschen, sondern zu erkennen, wann eben diese Routine in eine Katastrophe führen kann. Und dann bewusst außerhalb des Standards zu handeln. Das größte Risiko in den Abläufen von HROs ist die Überschätzung ihrer eigenen Verlässlichkeit, die Achtlosigkeit bei der Ausführung und der Glaube an die lineare Erfolgskausalität technischer Verkettungen. Auch wenn die Versagenswahrscheinlichkeit bei 1:1 Million liegt, kann der konkrete Einzelfall genau jetzt eintreten. Um solchen Versagensfällen vorzubeugen, bleiben HROs wachsam, indem sie parallel zur Routinehandlung eine kontinuierliche Reflexion dieser Routine durchführen.
HROs wissen: Kein System ist perfekt. Trotz aller Bemühungen zur Krisenvermeidung wird der Moment kommen, in dem eine Krise, eine Notlage oder sogar ein Katastrophenfall eintritt. Deshalb konzentrieren sich HROs auch nicht nur auf ein vorausschauendes Handeln, indem sie aus Fehlern lernen, sich um eine komplexe Wahrnehmung bemühen und sensibel für die eigenen Routinen bleiben, sondern sie streben auch nach größtmöglicher Flexibilität und Widerstandskraft. Es geht darum, als Organisation schnell lernen zu können und trotz notfallbedingter Ausfallerscheinungen weiterhin zu funktionieren. Wenn etwa eine Brandbekämpfungsstrategie versagt, obwohl sie sonst zuverlässig funktioniert hat, muss rasch eine alternative Lösung gefunden werden. Das ist keineswegs selbstverständlich, sondern Ausdruck aktiven Lernens. Eine Vielzahl der Organisationen neigt dazu, ihre Routinen zu verstärken, wenn sie nicht funktionieren – und nicht den sicheren Standard zu verlassen und in unsichere Improvisationskunst auszuweichen. Und das trauen sich HRO zu – und müssen es!
HROs haben höchsten Respekt vor fachlichem Wissen und Können. Gerade in Krisensituationen geht es darum, das Richtige zu tun und nicht darum, Entscheidungen aufgrund der größten formalen Macht zu treffen. Daher werden Abwehr- und Gegenmaßnahmen in HROs nicht hierarchisch entschieden, sondern dorthin verlagert, wo die größte Expertise, die meiste Erfahrung und die beste Situationskenntnis vorliegt. Damit werden lange und langdauernde Befehlsketten vermieden und die Personen, Teams oder Organisationseinheiten ermächtigt, die über die größte Sachkenntnis verfügen.
In der folgenden Tabelle sind alle fünf Prinzipien zusammengefasst wiedergegeben. Zur besseren Abgrenzung wurden der Funktionslogik einer HRO alternative Organisationslogiken gegenübergestellt, die häufig in der öffentlichen Verwaltung gepflegt werden.
Um Krisen angemessen und erfolgreich begegnen zu können, darf die Verwaltung nicht ausschließlich der (alternativen) Logik von Effizienz und Effektivität folgen – einer Logik, die sich in maximaler Standardisierung, einer Null-Fehler-Toleranz (die dazu führt, dass kaum jemand auf Abweichungen hinweist) und der strikten Einhaltung des Dienstwegs ausdrückt. Stattdessen sollte sie auch Elemente einer HRO‑Logik in sich aufnehmen
Die wesentlichen Stellgrößen einer Organisation, wie Strategie, Struktur, Prozesse, Personal und Führung müssen demnach folgende Maximen aufnehmen, umsetzen oder fördern:
Formulieren Sie Ihre Ziele so, dass beschrieben wird, welche Fehler nicht passieren dürfen!
Fördern Sie das Bewusstsein der eigenen Verwundbarkeit!
Wirken Sie der Selbstzufriedenheit entgegen!
Unterstützen Sie Mitarbeiter, die sich um mehr Achtsamkeit bemühen!
Legen Sie besonders viel Wert auf soziale Kompetenzen!
Fördern Sie Skeptiker:innen! Geben Sie ihnen ein Forum!
Definieren Sie Beinahe-Unfälle! Und spielen Sie diese durch!
Belohnen Sie vorbildlichen Einsatz in Krisen!
Übertreiben Sie nicht das Ideal einer schlanken Organisation!
Erweitern Sie Kompetenz und das Verhaltensrepertoire!
Beschleunigen Sie Rückmeldungen!
Schaffen Sie flexible Entscheidungsstrukturen!
Stärken Sie die Fantasie als Instrument des Umgangs mit dem Unerwarteten!
Ausgangspunkt jeder Veränderung ist die Ermittlung und Analyse des derzeitigen Standpunktes. Wo stehen Sie? Mit Ihrer Verwaltung? Inwieweit entspricht Ihre Verwaltung einer Hochverlässlichkeitsorganisation oder wie weit sind Sie davon noch entfernt? Wir beraten Sie gerne und unterstützen Sie, eine passende Resilienzstrategie zu entwerfen.
1 "Das Unerwartete managen" von Karl E. Weick und Kathleen M. Sutcliffe, https://shop.haufe.de/prod/das-unerwartete-managen?srsltid=AfmBOoq5LJicHAv2WCRkDLJyUkpc3QuB9tkjphZz5sVTC2l2whJfQ_a_
Hochverlässlichkeitsorganisationen sind Organisationen, die auch unter extremen, unsicheren und krisenhaften Bedingungen zuverlässig funktionieren müssen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie hochsensibel auf Abweichungen reagieren, das Unerwartete aktiv erwarten und Störungen frühzeitig erkennen, um schwerwiegende Folgen zu vermeiden.
Die Vielzahl aktueller Krisen – etwa durch Pandemie, Klimakrise oder geopolitische Ereignisse – stellt die Leistungs- und Handlungsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung zunehmend auf die Probe. Der Managementansatz der HRO bietet Prinzipien, mit denen Verwaltungen Krisen frühzeitig erkennen und professionell bewältigen können.
Zu den Hochverlässlichkeitsorganisationen zählen unter anderem Betreiber hochkomplexer technischer Anlagen (z.B. Atomkraftwerke), Organisationen der kritischen Infrastruktur (z.B. Unfallmedizin oder Pandemiebekämpfung) sowie Betriebe mit inhärenten Gefahrenpotenzialen wie Bergbau, Flugzeugträger oder Bohrinseln.
In Hochverlässlichkeitsorganisationen werden Fehler und Abweichungen nicht als Gefahr, sondern als wertvolle Informationsquelle verstanden. Mitarbeitende werden ermutigt, Abweichungen offen zu kommunizieren, da jede Abweichung Hinweise auf potenzielle Risiken enthält und zur Krisenprävention beiträgt.
Die Fähigkeit zum vorausschauenden und präventiven Krisenmanagement zeigt sich in fünf Prinzipien: Fokus auf Abweichungen, Vermeidung von Vereinfachungen, Sensibilität für Abläufe, Resilienz in der Krise sowie Respekt vor fachlichem Wissen.
Verwaltungen sollten sich nicht ausschließlich an Effizienz und Standardisierung orientieren, sondern ergänzend HRO-Elemente aufnehmen. Dazu gehören unter anderem flexible Entscheidungsstrukturen, der bewusste Umgang mit Verwundbarkeit, die Förderung von Achtsamkeit und Fachwissen sowie das Stärken von Lernfähigkeit und Anpassungsfähigkeit in Krisen.