November 2021

Die Flutkatastrophe in Deutschland hat gezeigt, wie einschneidend die Folgen des Klimawandels sein können. Fest steht: Die Notwendigkeit eines performanten Warnsystems zum Schutz der Bevölkerung muss gewährleistet sein. Das stellt Deutschland vor eine Herausforderung: Wo liegen die Schwächen in unserem deutschen Warnsystem? Und kann die Technologie Cell Broadcasting die Lösung sein?

Die Bilanz der letzten beiden Jahre in Deutschland ist ernüchternd. Bereits der Warntag im letzten Jahr mit dem gescheiterten bundesweiten Probealarm für die im deutschen Warnsystem genutzten Sirenen und Apps zeigte die Schwächen des aktuellen Systems aufgezeigt. Dann misslang im Juli dieses Jahres bei der Flutkatastrophe in Westdeutschland eine frühzeitige Evakuierung durch fehlende Vorwarnungen. Mit Blick auf diese Ereignisse ist eine Erneuerung unseres Warnsystems notwendig.

Trotz vielfältigem Warnsystem keine flächendeckende Alarmierung

Unser Warnsystem könnte kaum facettenreicher sein. Seit Jahrzehnten werden Sirenen für die lokale Alarmierung der Bewohner genutzt, ergänzt durch Radiobenachrichtigungen und die erst seit wenigen Jahren verfügbaren Warnapps NINA, Biwapp und KATWARN. Vielfältig, aber dennoch lückenhaft. Neben der Herausforderung, jede Ortschaft mit der Krisenalarmierung rechtzeitig zu erreichen, geben Sirenen den Anwohnern kaum Informationen darüber, welche Maßnahmen einzuleiten sind. Auch die Warnapps NINA, Biwapp und KATWARN, welche dedizierte Informationen liefern sollen, kommen an ihre Grenzen. Auf Basis der notwendigen Installation der App und der vorherigen Registrierung bilden diese mit rund 14 Millionen Nutzern nur einen Bruchteil der Gesamtbevölkerung ab. Gleichzeitig sorgten überlastete Internetverbindungen vielerorts in der Vergangenheit dafür, dass die Alarmierung die Anwohner nicht erreichte und die Krisenapps darüber hinaus zu spät alarmierten. Auch hier zeigt sich: Viel hilft nicht viel. So muss der Krisenstab im Notfall nicht nur eine zentrale Nachricht absenden, sondern muss einen dezentralen Flickenteppich aus Alarmsystemen bedienen, von denen keines die Robustheit und die Reichweite aufweist, verlässlich alle Betroffenen zu erreichen. Ein Warnsystem, welches keine flächendeckende Alarmierung sicherstellen kann und zeitgleich bei der Durchführung lebensrettende Zeit kostet, ist in Anblick des voranschreitenden Klimawandels nicht mehr tragbar. Doch was ist die Alternative?

Mit Blick auf andere Länder und Naturkatastrophengebiete sticht ein etabliertes System mit Erfolg hervor: Cell Broadcasting - aber was verbirgt sich dahinter?

Vor und Nachteile von Cell Broadcasting

Cell Broadcasting zeigt gegenüber unseren bestehenden Warnsystemen elementare Vorteile. Dazu gehören:

Reichweite & Robustheit:
Für die Alarmierung durch Cell Broadcasting ist weder eine vorherige Installation noch eine Registrierung notwendig. Deswegen können alle Mobiltelefone in dem adressierten Radius über den regulären Zugang zum Mobilfunknetz erreicht werden können.  Während die bisherigen Warnapps einen gewissen technischen Standard des Mobiltelefons und dessen Bedienung erforderten, benötigt Cell Broadcasting lediglich den Zugang zum Mobilfunknetz, wodurch die Reichweite um ein Vielfaches gesteigert und auch digitalaverse Nutzer miteinbezogen werden können. Zudem erfordert die Alarmierung über das Cell Broadcasting weder ein neues Mobiltelefon noch eine stabile Internetverbindung. Der niedrige Frequenzbereich zeichnet sich durch eine besonders hohe Reichweite aus. Durch einen gesonderten Kanal wird der Überlastung des Netzes entgegengewirkt und die Stabilität des Warnsystems auch in Ausnahmesituationen sichergestellt.
Doch was passiert, wenn der Funkmast oder die Infrastruktur während der Katastrophe beschädigt wird? Cell Broadcasting kann tatsächlich nur funktionieren, wenn die Strom- und Kommunikationsinfrastruktur sowie der Funkmast unangetastet sind . Warnungen sollten daher vor dem Katastropheneintritt versendet werden. Tatsächlich gilt dies für das gesamte Warnsystem: Nur mit frühzeitigen Warnmeldungen können Betroffene präventiv handeln und evakuieren. Während des Katastrophenfalls helfen Warnmeldungen den Betroffenen meist nicht mehr.

Datenschutz:
Während die Warnapps wie auch der SMS-Versand personenbezogene Daten wie die Mobilfunknummer oder den Umkreis zur Alarmierung erfordern, benötigt das Cell Broadcasting keine zusätzlichen Daten der Nutzer. Der Versand der Textnachricht erfolgt automatisiert beim Betreten in den Radius der adressierten Funkzelle in der Spracheinstellung des Smartphones. Dabei liegen weder Informationen vor, an wen die Nachricht gesendet wurde, noch, wie der Leser auf diese reagiert. Cell Broadcasting ist damit ein sehr datenfreundliches Warnsystem.

Wie funktioniert Cell Broadcasting?

Im ersten Schritt muss eine Behörde wie beispielsweise das Bundesinnenministerium, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) der Deutsche Wetterdienst, eine Katastrophenmeldung erhalten. Daraufhin muss die Warnmeldungen anschließend in ein übergeordnetes System eingetragen werden. Heutzutage steht für die Behörden schon das Modulare Warnsystem (MoWaS) zur Verfügung. MoWaS oder ein vergleichbares System wird im dritten Schritt mit einer Cell Broadcast Entity (CBE) verknüpft sein. Das CBE authentifiziert die Behörde, schützt also vor unerlaubten Zugriff, und leitet die Warnmeldung an die Mobilfunkbetreiber weiter. Diese haben in ihrem Kernnetz ein Cell Broadcast Center (CBC) installiert, welches die Warnung an die ausgewählten Funkzellen weiterleitet. Die Funkelemente der Funkzellen werden daraufhin die Warnmeldung im Intervall an die lokal registrierten Mobiltelefone senden. Jeder Mobilfunknutzer oder Mobilfunknutzerin erhält anschließend die Warnmeldung auf dem empfangsbereiten Mobiltelefon.

Cell Broadcasting ist in vielen Ländern bereits Bestandteil eines erfolgreich eingesetzten Warnsystems

Neu ist Cell Broadcasting nicht. Schon seit 20 Jahren nutzen viele Länder die Technologie, um die Bevölkerung auf gefährliche Situationen aufmerksam zu machen. Heutzutage wird Cell Broadcasting beispielsweise in Teilen von Europa, USA, Japan, China und Südkorea verwendet.
Die Einsatzmöglichkeiten können sich von Land zu Land unterscheiden und auf die jeweiligen Gefahren abzielen. In den USA wird Cell Broadcasting nicht nur bei Stürmen oder anderen Naturkatastrophen genutzt, sondern auch bei Terroranschlägen oder bei der Suche nach vermissten Kindern. Israel warnt seine Bevölkerung vor Raketenangriffen und Japan die Bevölkerung vor Erdbeben und Tsunamis. In der Corona-Pandemie gab es neue Einsatzmöglichkeiten: Das System wurde benutzt, um die Bevölkerung über Einschränkungen und Sperrstunden zu informieren. Ein denkbarer Einsatz, vor allem hier im föderalen Deutschland mit seinen unterschiedlichen Hygieneregeln.

Cell Broadcasting und Deutschland

Dass Cell Broadcasting in Deutschland noch nicht eingesetzt wird, hat vielfältige Gründe. Zuallererst war der politische Wille vor der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen schlichtweg nicht vorhanden. Obwohl in den Europäischen Richtlinien der Einsatz von Cell Broadcasting bis 2022 in den EU-Mitgliedsländern vorgeschrieben wurde, hat Deutschland erstmal weiterhin auf seine Warnapps NINA und KATWARN vertraut. Wahrscheinlich war der Rollout von Cell Broadcasting mit zu viel bürokratischem Aufwand verbunden.
Darüberhinaus wurde Cell Broadcasting mit geschätzten Kosten von 20 bis 40 Mio. Euro als zu teuer angesehen. Jedoch wurde in die Warnapp NINA vom Bund allein bis Mitte 2016 20 Millionen Euro investiert – bisher ohne durchschlagenden Erfolg.
Außerdem wollte die Politik die Mobilfunknetzbetreiber mit der Einführung von Cell Broadcasting nicht weiter belasten. Ein Grund dafür könnte die sowieso schon starke Auslastung durch den intensiven Ausbau der neuen 5G-Infrastruktur sein. Von Seiten der Mobilfunknetzbetreiber gibt es jedoch keinen Widerstand. Ganz im Gegenteil: Telefónica Deutschland, die Deutsche Telekom und Vodafone bieten sich an, Cell Broadcasting sofort einzuführen, wenn die Anforderungen für das Warnsystems von den Behörden feststehen sollten.

Cell Broadcasting wird außerdem erfolgreich bei unseren europäischen Nachbarn verwendet. In den Niederlanden und Dänemark erreichen die Systeme über 90 Prozent der Bevölkerung. Sollte Cell Broadcasting in Deutschland eingesetzt werden, kann mit einer ähnlich hohen Bevölkerungsabdeckung gerechnet werden – eine gute Ergänzung also zu unserer bestehenden Warnmeldeinfrastruktur.

Ist Cell Broadcasting mehr als ein Warnsystem und was können wir außerhalb von einem Warnsystemeinsatz noch erwarten?

Die Technologie wurde vor allem als robustes Kommunikationssystem geschaffen. Nachrichten von Behörden können Warnhinweise beinhalten – müssen sie aber nicht. Zuerst ist es möglich, lediglich Regierungskommunikation zu betreiben, wie die Informationsversorgung während der Corona-Pandemie gezeigt hat. Gesetze und Verordnungen – wie beispielsweise eine sich ändernde Straßenverkehrsordnung oder Informationen zum Klima- und Umweltschutz – könnten ebenfalls der Bevölkerung über Cell Broadcasting mitgeteilt werden.
Viele Unternehmen wie beispielsweise Facebook (Meta) oder Ikea nutzen SMS-Broadcasting, um mittels SMS auf Werbekampagnen aufmerksam zu machen. Ein Einsatz in der Marketingkommunikation wäre daher auch für Cell Broadcasting naheliegend. Wichtig für die Verwendung wäre jedoch eine funktionierende Widerspruchsregelung. Zumindest theoretisch ist so ein Widerspruch beispielsweise in den USA möglich, dort gibt es unterschiedliche Arten des Cell Broadcastings mit einer stufenweisen Legitimation. Genutzt wird es in den USA für Marketing trotzdem nicht – zu hoch ist das Risiko eines missbräuchlichen Einsatzes unerwünschter massenhafter Werbenachrichten. Auch aus technischer Sicht gibt es Hindernisse. Cell Broadcasting ist in seiner Nachrichtengröße beschränkt. Ein Einsatz von Bild, Musik oder umfangreicher Sound ist nicht möglich. Personenzentriertes Marketing lässt sich daher besser durch Technologien wie Geofencing und Push-Notifications umsetzen.
Ein privater Einsatz von Cell Broadcasting sollte jedoch nicht komplett ausgeschlossen werden. Besonders in privaten 5G-Campusnetzen kann die Technologie genutzt werden, um die Belegschaft zu informieren. Jedoch auch hier mit einem vermehrten Fokus auf den Katastrophenfall, insbesondere in sensiblen oder sicherheitsrelevanten Branchen.

Cell Broadcasting ist im Kommen

Grundsätzlich stehen alle Zeichen auf einen baldigen Rollout von Cell Broadcasting. Bis Ende 2022 soll die neue Technologie als Warnsystem genutzt werden. Der politische Wille ist mittlerweile vorhanden, auch Bundesinnenminister Horst Seehofer betont eine baldige Einführung.
Obwohl noch viele Fragen, wie beispielsweise die Finanzierung, offenbleiben, treiben die Behörden das Einführungsverfahren voran. Während das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zurzeit Vorgaben zur Umsetzung vorbereitet, soll darauf aufbauend die Bundesnetzagentur eine Richtlinie mit technischen Anforderungen definieren. Anschließend werden die Mobilfunknetzbetreiber ein technisches System bei den Netzwerkherstellern in Auftrag geben, welches danach in den Mobilfunknetzen und Behörden implementiert wird.

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