Wir waren noch nie so abhängig von der Funktionsfähigkeit unseres Mobilfunk- und Festnetzes wie heute

Die Ausbreitung des Covid-19 Virus hat für die meisten ‚Office-Gänger‘ den täglichen Arbeitsplatz nach Hause verlegt. Wie komfortabel dieser eingerichtet ist, sei dahingestellt. Doch selbst das noch so professionell ausgestattete Homeoffice nützt nichts, wenn die Sprachübertragung beim Skype Call verzerrt ist, das Bild bei der Zoom Konferenz stockt und Dateien auf dem MS Teams SharePoint nicht synchronisieren, sprich: der Internetanschluss nicht performt. Oft ist das nicht der Fall, weil die Wahl bewusst auf das günstigere Produkt fällt, sondern, weil ein Anschluss mit höherer Bandbreite am eigenen Standort schlicht nicht verfügbar ist. Neben dem Festnetzanschluss zu Hause stoßen wir auch unterwegs, bei der für uns selbstverständlichen Nutzung von mobilen Daten für Dienste wie Messenger, WhatsApp Calls, Google Maps und Onlinebanking, häufig auf Netzprobleme.

Bandbreite ist die Grundlage der Digitalisierung – ohne sie wird Deutschland als Wirtschaftsstandort abgehängt

Durch die Auswirkungen der Pandemie wird nicht nur die private Betroffenheit von einer unzuverlässigen Datenbereitstellung stärker spürbar, sondern auch die gesamtwirtschaftliche Bedeutung sichtbar. Denn: Digitalisierung und Bandbreite gehen Hand in Hand. In einer kürzlich veröffentlichten Studie im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen nannten mehr als 90 Prozent der knapp 2.500 befragten Firmen den Ausbau der digitalen Infrastruktur als geeignet oder sehr geeignet, um die deutsche Volkswirtschaft in Krisenzeiten widerstandsfähiger zu machen. Neue Geschäftsmodelle entstehen nur, wenn Datenleitungen schnell sind und in ihrer vollen Komplexität genutzt werden können. Krisensichere, innovative Services – das sind keine ‚nice-to-haves‘, sondern das Fundament unseres künftigen Erfolgs. Als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ist der Anspruch an Deutschland hoch. Länder wie Südkorea, Litauen oder Island, deren Bruttoinlandprodukt weniger als die Hälfe oder gar einen Bruchteil des deutschen beträgt, sind uns jedoch um Längen voraus. Wenn wir als Region weiterhin den Breitband- und Mobilfunkausbau verschlafen, stehen wir vor der akuten Gefahr, dass wir uns als Wirtschaftsstandort abhängen lassen. 

Galsfaseranschluesse

 

Der Netzausbau läuft seit Jahrzehnten schleppend 

Auf dem deutschen Mobilfunkgipfel im Juni 2020 wurde kräftig gelobt – viel habe sich getan beim Netzausbau in den letzten Jahren. Durch den Aufbau neuer und die Erweiterung bestehender Mobilfunkmaste, insbesondere entlang der Ländergrenzen, wo das aufgrund regulatorischer Auflagen lange nicht möglich war, ist die 4G Netzabdeckung deutlich gestiegen. Trotzdem hat es, ohne effiziente politische Kooperation, keiner der drei verantwortlichen Anbieter (Telekom, Vodafone und Telefónica) geschafft, die von der Bundesnetzagentur in 2015 gesteckten Ziele fristgerecht zu erreichen.  

4G Versorgungsauflagen 2019

 

Als Grund nennen die Provider vor allem gesetzliche Bestimmungen, die beispielsweise den Ausbau essenzieller Stationen in der Nähe von Gleisen erschweren, einen Mangel an geeigneten Plätzen für Maste, die Komplexität der Antragsstellung für Fördergelder sowie extrem lange Wartezeiten auf Genehmigungen von bis zu anderthalb Jahren. Der Beschluss auf Bundesebene vom Juni 2019 zur Gründung einer mit fünf Milliarden Euro ausgestatteten Mobilfunkinfrastrukturgesellschaft, mit der der Bau eigener Mobilfunkmaste für die Digitalisierung der Verwaltung beauftragt werden kann, hat daran bisher nichts geändert. Gespräche mit der Deutschen Bahn, um den Frequenzbereich bei 900 MHz auch entlang der Bahntrassen nutzen zu können, laufen…noch immer. Ein Förderprogramm des Bundes zur Erschließung von Standorten, die ohne staatliche Maßnahmen in absehbarer Zeit nicht versorgt werden, gibt es bereits seit 2015. Es umfasst 11 Milliarden Euro, ausgeschüttet wurden bislang aber nur rund 570 Millionen. Wie soll ein reibungsloser und vor allem schneller 5G Netzausbau unter solchen Bedingungen erfolgen?

5G Versorgungsauflagen

 

Auch der Glasfaserausbau entwickelt sich seit Jahrzehnten mit angezogener Handbremse. Bereits Anfang der achtziger Jahre wurde dieser unter Helmut Schmidt beschlossen. Kurz darauf legte jedoch Helmut Kohl die Pläne auf Eis und förderte stattdessen die Verlegung von Kupferkabel. Knapp 40 Jahre später sind wir noch immer weit entfernt von einem flächendeckenden Glasfasernetz. Dabei ist der Kupfertod inzwischen unabdingbar, auch wenn Vectoring die Leistungsgeschwindigkeit verdoppelt. Glasfaser ist die Leitung des Jetzt.

Gigabitfähige Hausanschlüsse

 

In der Verantwortung steht bislang nur die Privatwirtschaft 

Frei nach dem Prinzip ‚Auflagen durch den Staat - Erfüllung durch die Provider‘ liegt die Verantwortung für den Glasfaser- und Mobilfunkausbau zurzeit allein bei der Privatwirtschaft. Die Bundesregierung verlangt zudem über die Versteigerung der Frequenzen von den Netzbetreibern Milliarden für die Vergabe von Lizenzen und entzieht dem Netzausbau somit zusätzliches Kapital. Wie Deutschland liegt Italien hinsichtlich der Versorgung mit Glasfaseranschlüssen weit unter dem OECD Durchschnitt, jedoch beabsichtigt die italienische Regierung nun, den Telekommunikationsanbieter Telecom Italia und den Stromkonzern Enel zum einheitlichen, kooperativen Glasfasernetzausbau zu drängen. Der lokale Wettbewerb, anders als beim Mobilfunk, sei für kabelgebundene Breitbandanschlüsse schlichtweg nicht förderlich. Dies führe zu gegenseitigem, aber nicht flächendeckenden, Überbau, da die Erschließung ländlicher Haushalte oftmals nicht attraktiv sei. Das kürzlich angestoßene politische Unterfangen unseres europäischen Partners sollte unsere Regierung einladen, ihre bisherige Vorgehensweise zu überdenken und endlich zielführend zu handeln.

 

Eine ganzheitliche Antwort von Politik und Unternehmen wird dringend gebraucht

Wie Gas, Wasser und Strom ist das Breitbandnetz Teil der Grundversorgung. Ein gigabitfähiger Anschluss muss gegeben sein, wenn ein Haus oder ein Firmenstandort bezogen wird. Die Innovationsfähigkeit von Unternehmen hängt stark vom Datenvolumen und von Übertragungszeiten ab. Mobile Daten müssen überall verfügbar sein, sei es in Ballungszentren, auf dem Land oder im Zug. Die Finanzierung des dafür notwendigen Ausbaus sollte also nicht länger als horrender Kostenblock gesehen werden, sondern muss als Investition in globale Wettbewerbsfähigkeit verstanden werden. Dafür bedarf es einer ganzheitlichen Antwort von Politik, Unternehmen und jedem einzelnen.

Südkorea hat dies bereits verstanden. Präsident Moon Jae-in plant, 5G als Wachstumstreiber seiner Exportindustrie zu nutzen. Er erwartet circa 600 Tausend neue Arbeitsplätze und lässt sich die Technologie dementsprechend etwas kosten. Investitionen in Höhe von $26 Milliarden wurden zugesagt. Damit einher ging das politische Drängen der größten Telekommunikationsanbieter ihr 5G Netz zeitgleich auszubauen, um hohe Werbekosten zu verhindern und über mehr Geld für den tatsächlichen Netzausbau zu verfügen. Erste Erfolge sind bereits sichtbar: 85 der mehr als 100 Städte sind inzwischen durch 115 Tausend Basis Stationen an das 5G Netz angebunden.

Auch im Glasfaserausbau liegen die Südkoreaner mit ihrem über 80 prozentigen Anteil an Glasfaseranschlüssen aller Festnetz-Breitbandanschlüsse weltweit vorne, gefolgt von dem europäischen Vorreiter Litauen mit knapp 75 Prozent. Die politische Weitsicht Litauens, basierend auf moderner Infrastruktur ein ‚Smart Country‘ zu werden, hat beispielsweise zur enormen Digitalisierung der Verwaltung des Landes verholfen. Dies ging sowohl mit europäischen Geldern zur Errichtung der erforderlichen Infrastruktur als auch mit der Investitionsfreude der örtlichen Telekommunikationsanbieter in die Verlegung von Glasfaserverbindungen einher.

Um ihre führende Position nachhaltig sicherzustellen, liegt der strategische Fokus dieser Länder neben dem Netzausbau zunehmend auf der Netzqualität. Mit gerade einmal circa 28 Tausend 5G Antennen und einer Glasfaserbereitstellung von circa 4% aller Festnetzanschlüsse ist Deutschland weit von solch einem Fine-Tuning entfernt. Selbst im europäischen Vergleich bilden wir das Schlusslicht. Auch wenn die Gegebenheiten der einzelnen Länder nicht einfach zu vergleichen sind, wird es Zeit, dass Deutschland umdenkt!

Was muss endlich passieren?

Für den effizienten sowie erfolgreichen Breitband- und Mobilfunkausbau bedarf es der Unterstützung von und der Steuerung durch die Bundesregierung. Diese muss ihre passive Grundeinstellung ablegen, den strategischen Mehrwehrt und die Notwendigkeit moderner Netze erkennen und folglich proaktiv politische Initiative ergreifen.

Neben bestehenden Förderprogrammen, wie der finanziellen Unterstützung bei der Erschließung von Standorten, die ohne staatliche Maßnahmen in absehbarer Zeit nicht versorgt werden können, müssen weitere Investitionen getätigt werden und Subventionierungen in Kraft treten. Zudem gilt es, überall dort einzugreifen, wo die Privatwirtschaft allein keine tragfähige Netzabdeckung sicherstellt, oder andere Widerstände dies verhindern.

Im Zuge dessen, sollten Anpassungen von Regulationen durch beschleunigte Gesetzesänderungen vereinfacht werden. Erst unter Erfüllung dieser Voraussetzungen wird es Deutschland gelingen, mithilfe der Errichtung einer digitalen Infrastruktur, den Anforderungen der Netznutzer gerecht zu werden und den Kampf um die Attraktivität als Wirtschaftsstandort für sich zu gewinnen.

Quellen

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