Oktober 2021

Unsere Geschäftswelt ist volatil, unsicher und komplex. Die Kundenbedürfnisse und Märkte ändern sich schneller denn je, Megatrends wie Konnektivität und New Ways of Working verstärken den Veränderungsbedarf der Organisationen von innen heraus; eine dynamische und krisenbehaftete Umwelt bringt viele Unternehmen an ihre Grenzen. Mittlerweile hat die Mehrzahl der Organisationen erkannt, dass nur Effektivität (Wirksamkeit), Effizienz (Wirtschaftlichkeit) und regelmäßige Innovation der Prozesse und Produkte oder Services, eine Überlebensfähigkeit gewährleisten.

Zwei grundsätzliche Ansätze helfen dabei, Veränderungsbereitschaft und Wettbewerbsvorteile zu erzielen, sofern sie nachhaltig in der DNA der Organisation verankert werden: Continuous Improvement und Radical Innovation. Sie finden sich mit unterschiedlicher Gewichtung in den verschiedensten Theorien wie Lean Management, Agile Transformation oder Organizational Resilience. Dort sind sie allerdings sehr komplex verpackt, obwohl ihre Grundidee recht simpel ist.

Bei Radical Innovation geht es um die Neuentwicklung u.a. von Produkten oder Prozessen; etwas soll grundlegend verändert werden. Continuous Improvement ist dagegen der Ansatz, einzelne Elemente zu betrachten und kontinuierlich zu optimieren. Es ist grundsätzlich wichtig, beide Ansätze als unterschiedlich zu verstehen. Dennoch ist genau diese unterschiedliche Betrachtungsweise mit ein Grund dafür, dass es vielen Organisationen nicht nachhaltig gelingt, die Vorteile beider Ansätze zu verbinden und für sich zu nutzen.

Continuous Improvement und Radical Innovation sollten weiterhin differenziert betrachtet werden, da sie sich sowohl in ihrem Fokus als auch ihrer Anwendung unterscheiden. Allerdings bedeutet dies nicht, dass sich Organisationen für eines der beiden Handlungsmodelle entscheiden müssen. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn sie es schaffen, die Ansätze als gleichwertig und in ihrem Zusammenspiel maximal wertvoll anzuerkennen, können Organisationen beide Modelle für sich in Betracht ziehen und so ihre Wandlungsfähigkeit ausbauen. Die Verankerung von Continuous Improvement und Radical Innovation als sich ergänzende Ansätze in der Organisationskultur erhöht die Chance von Organisationen, Krisen, VUCA-Welt (Volatility, Uncertain, Complexity, Ambiguity) und Megatrends nachhaltig und widerstandsfähig zu begegnen.

Begriffsklärung: Was ist Continuous Improvement und was ist Radical Innovation?

Schon eine Kurzerläuterung der beiden Begrifflichkeiten hilft zu erkennen, wie sich Continuous Improvement und Radical Innovation ergänzen. Zumindest aber können die vermeintlich widersprüchlichen Inhalte im nachfolgenden Beitrag besser nachvollzogen werden.

Continuous Improvement ist der fortlaufende Versuch, Produkte, Dienstleistungen und Prozesse schrittweise zu verbessern. Diese Faktoren werden ständig auf der Grundlage ihrer Nachhaltigkeit, Effizienz und Effektivität geprüft und modifiziert. Solche Verbesserungen neigen dazu, aufeinander aufzubauen, sich nacheinander zu konstituieren und sich so im Laufe der Zeit zu beschleunigen. Continuous Improvement zielt insbesondere auf eine Steigerung der Effizienz oder Produktivität ab und hilft u.a. dabei, Kosten zu senken.

Radical Innovation wird als ein Vorgang beschrieben, bei dem ein Bereich durch die Anwendung neuer Verfahren und die Einführung neuer Techniken grundlegend erneuert und auf den aktuellen Stand gebracht wird. Derartige Innovationen passieren oft, weil etwas endet (z.B. die Geduld der Menschen damit, wie die derzeit Dinge sind) oder weil externe Zwänge wie Krisen ein radikales Umdenken erfordern. Da Radical Innovation große Möglichkeiten und Chancen mit sich bringt, bedarf es hier auch einer erhöhten Akzeptanz von Risiken und Veränderungsgraden, und das auf einem Niveau, das für Continuous Improvement nicht erforderlich ist. Die Risiken im Innovationsprozess können zum Beispiel planerischer Natur sein (erhöhter Aufwand an Zeit und Kosten), oder auch technischer Art (die Idee ist technisch nicht realisierbar). Wie groß das benötigte Risikoniveau ist, hängt unter anderem von der Innovation ab. Zwei Vorteile für die Organisation sind die Bereitstellung neuer Prozesse, Produkte oder Geschäftsmodelle, und dass der Wettbewerb in eine Art „Aufholmodus“ versetzt wird.

Unsere Beobachtung: Die Qual der Wahl?

Wir beobachten, dass sich einige Organisationen schwer damit tun, ein für sie vor allem flächendeckend funktionierendes System von Continuous Improvement und Radical Innovation zu finden. Ein Zusammenspiel der beiden Ansätze liegt in einigen Organisationen entweder gar nicht vor, da sie sich nur auf eine der beiden Handlungsmöglichkeiten konzentrieren, oder ist nicht vollständig ausgestaltet, da die zwei Systeme zwar existieren, aber nicht nachhaltig ineinandergreifen. Einige Organisationen, die wir auf ihrem Weg in die Wandlungsfähigkeit begleiten, entscheiden sich lieber für einen der beiden Ansätze, um diesen sowohl in der Breite als auch in der Tiefe der Organisation konsequent zu etablieren. Hier fällt die erste Wahl oft auf Continuous Improvement, um Produkte oder Dienstleistungen stetig weiterzuentwickeln. Dieses Vorgehen passt häufig besser zur Strategie, der Risikoaversion und den verfügbaren Ressourcen der Organisationen. Es erscheint einfacher, Verbesserungen an bestehenden Produkten vorzunehmen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, als beispielsweise zu versuchen, ein neues Kundensegment zu erschließen oder das eigene Business-Modell grundlegend zu verändern. Hierbei laufen Organisationen allerdings Gefahr, von anderen, radikalen Innovationen überholt zu werden. Dies ist beispielsweise im Finanzwesen zu beobachten, wo viele etablierte Finanzdienstleister und Versicherungen ihre Kunden an die sogenannten FinTechs verlieren.

Den „Radical-Innovation-Only“-Ansatz beobachten wir in der Praxis ebenfalls regelmäßig. In diesen Organisationen sehen wir, dass über einen gewissen Zeitraum hinweg mit bestehenden Prozessen, Produkten und Dienstleistungen gearbeitet wird, ohne diese kontinuierlich weiterzuentwickeln. Es kommt dann zu gelegentlichen, radikaleren Verbesserungen, sobald ein extern oder intern ausgelöster Bedarf an Veränderung aufkommt.

Unserer Einschätzung nach wird auch ein reiner Fokus auf Radical Innovation den Anforderungen an Wandlungsfähigkeit einer Organisation nicht gerecht. Neben den notwendigen, radikaleren Verbesserungen ist die kontinuierliche Weiterentwicklung von Bestehendem notwendig, um existierende Wettbewerbsvorteile weiter auszubauen bzw. diese zu halten. Wir halten ein Wechselspiel der beiden Welten von Radical Innovation und Continuous Improvement für ein wertsteigerndes Mittel für Organisationen.

Es zeigt sich, dass einige Organisationen bemüht sind, beide Ansätze zu etablieren. Allerdings erleben wir immer wieder, dass einerseits Continuous Improvement nur von vereinzelten Teams gelebt und dabei nicht crossfunktional und prozessorientiert behandelt wird. Vielmehr bleibt es auf ihre „Silos“ beschränkt. Radical Innovation andererseits wird entweder in kleine Expertenteams, z.B. in Form von Innovation-Labs, „outgesourcet“ oder einfach durch die Übernahme von Start-Ups eingekauft. So entstehen zwar innovative Ideen, diese sind jedoch losgelöst vom Kerngeschäft. Das übergeordnete Unternehmensziel und Business-Modell wird nur bedingt berücksichtigt. Daher bleibt auch dieser Ansatz oft weit hinter den Möglichkeiten zurück. 

Zentraler Fallstrick ist oftmals die fehlende Ausrichtung am Kunden. Diese wird gerne auf Managementebene gepredigt, aber nicht konsequent organisationsweit in den Zielen und dem Sinn und Zweck des täglichen Handelns heruntergebrochen. Bürokratie, politische Machtkämpfe und zahllose Gremien, endlose PowerPoint-Konzepte und Zoommeetings sind nur einige Warnsignale dafür, dass sich eine Organisation mehr mit sich selbst beschäftigt als mit dem eigentlichen Leistungsempfänger und der Wertschöpfung.

Wenn Sie sich und Ihre Organisation in unseren Beobachtungen wiederfinden, dann wird es dringend Zeit, zu handeln.

Unsere Empfehlung: Verbindung von Continuous Improvement und Radical Innovation

Die Erfahrung zeigt, dass Organisationen ohne kontinuierliche Verbesserungen und Innovationen in der heutigen Geschäftswelt schnell von Wettbewerbern überholt werden. Die Verankerung von sowohl Continuous Improvement als auch Radical Innovation in der Organisation kann ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein, da hier der Blick wieder verstärkt auf den Kunden und die Erfüllung von Kundenbedürfnissen gerichtet wird.

Hier ein anschauliches Beispiel des Zusammenspiels von Continuous Improvement und Radical Innovation: Das iPhone. Mittels Radical Innovation brachte Apple ein Produkt auf den Markt, das in seiner innovativen Form noch nicht dagewesen war und gleichzeitig eine gesamte Branche nachhaltig revolutionierte. Doch hätten Sie heute Interesse an dem allerersten iPhone? Über die Jahre hinweg hat Apple sein Produkt, die komplementären Dienstleistungen sowie seine Vertriebsplattformen kontinuierlich verbessert und weiterentwickelt. Der Erfolg des Unternehmens spricht für sich und hat die Türen mittels Radical Innovation für zusätzliche Kundengruppen, Märkte und Geschäftsfelder bis heute geöffnet.

In dieser neuen Welt ist die Geschwindigkeit des Lernens, sowohl im Rahmen von Continuous Improvement als auch von Radical Innovation, zum neuen Wettbewerbsvorteil geworden. Nur solche Organisationen bleiben für ihre Kunden relevant, die sowohl schnell lernen, als auch ihre Konkurrenz übertreffen und das aufbauen, was Kunden wirklich wollen. Unter diesen Voraussetzungen werden ihre Geschäftsmodelle gedeihen und wachsen. Andere Unternehmen haben nicht nur das schnelle Lernen, sondern auch Wandlungsfähigkeit in ihrer Kultur verankert.  Um dies zu schaffen, braucht es beides: Continuous Improvement und Radical Innovation.

Viele Organisationen haben erkannt, dass es einer tiefen Verankerung der entsprechenden Überzeugungen in der Unternehmenskultur bedarf, wenn sie ein konsequentes, flächendeckendes und wirksam betriebenes System von Continuous Improvement und Radical Innovation etablieren wollen. Eine erfolgreiche Organisation und deren Mitglieder verstehen heute den Wert von konstanter Verbesserung und disruptiver Innovation „von innen heraus“ und sie wissen, dass diese Ansätze zwar unterschiedliche Herangehensweisen haben, aber gleichermaßen entscheidend sind für den langfristigen Geschäftserfolg. Gerade jene Organisationen, die beide Ansätze zur Steigerung des geschäftlichen Werts anwenden, überleben nicht nur, sondern werden auch auf dem heutigen Wettbewerbsmarkt gedeihen.

Continuous Improvement und Radical Innovation in der Kultur verankern

Organisationskultur ist die Sammlung von Werten, Erwartungen und Praktiken, die das Handeln aller Organisationsmitglieder leiten und beeinflussen. Betrachten Sie sie als eine Sammlung von Eigenschaften, die Ihr Unternehmen zu dem machen, was es ist. Ihre Organisationskultur bestimmt die Einstellung, das Handeln und die Entscheidungen Ihrer Mitarbeiter und ist eng an Ihre wirtschaftlichen Ziele gekoppelt.

Für uns zeichnet sich eine Verbesserungs- und Innovationskultur durch eine engagierte, hinterfragende und innovative Arbeits- und Denkweise auf allen Ebenen der Organisation aus. In dieser zukunftsfähigen Organisationskultur reagiert jedes Team problemlos und eigenständig auf jegliche Art von Veränderungen, da jeder einzelne Mitarbeiter jeden Tag damit beschäftigt ist, Verbesserung in allem zu erreichen, was er oder sie tut.

Sowohl Radical Innovation als auch Continuous Improvement wachsen in Organisationen, die eine Kultur der gemeinschaftlichen Zusammenarbeit fördern, in der der Ideenaustausch gedeiht und sowohl Erfolge unterstützt als auch Misserfolge zugelassen werden. Doch um diese Verbesserungen sinnvoll auszuschöpfen, bedarf es einer Transformation, die eine fruchtbare Umgebung der kontinuierlichen Verbesserung und Innovation schafft und diese Ansätze zu einem natürlichen Mittelpunkt der täglichen Arbeit macht.

Organisationen können von den Verbesserungs- und Innovationskulturen bei Apple, Google, Toyota und Co. Lernen. Dennoch können Kulturen nicht einfach kopiert werden. So sollte jede Organisation ihr eigenes System schaffen, das von einem kulturell verankerten Verbesserungs- und Innovationsprozess angetrieben wird. Einfach die Mitarbeiter zu bitten, ein paar neue Tools, Vorlagen und Methoden einzusetzen und dann zu erwarten, dass sie sich sofort wie bei Microsoft verhalten, wird dauerhaft nicht funktionieren. Vielmehr sollten Sie die richtigen Verhaltensmuster und kulturellen Attribute der Verbesserung entwickeln und pflegen.

Organisationen, denen es gelingt, eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung und Innovation zu verbreiten, tun dies, weil ihre Methodik einfach ist. Machen Sie Ihre Verbesserungsmethodik so einfach, dass jeder und jede teilnehmen und sich engagieren kann. Beschäftigte sollten genug über die gewählte Methode wissen, um Verbesserungsmöglichkeiten zu finden; zu Experten aber werden sie erst dann, wenn sie an den Entwicklungen teilhaben dürfen.

Sie wollen mehr zum Thema erfahren und wissen, wie dieser Wandel genau funktionieren kann? Dann lesen Sie doch unseren Digital Insight und zögern Sie nicht, uns direkt anzusprechen. 

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